
Zwei junge Menschen, gleich talentiert, gleich fleißig. Einer wächst in Köln-Lindenthal auf, einem der wohlhabenderen Stadtteile im Westen der Stadt, der andere in Köln-Kalk, einem Viertel, das als sozialer Brennpunkt gilt. Ihre Chancen auf gute Bildung, einen stabilen Berufseinstieg und sozialen Aufstieg? Alles andere als gleich.
Rund 15 Kilometer trennen die beiden Stadtteile. Dazwischen liegt eine Kluft, die viele junge Menschen längst nicht mehr für überwindbar halten. Genau darum drehte sich der zweite Burger Dialog 2026. Und er stellte eine Frage, die alle angeht: Entscheidet in Deutschland die Herkunft über die Zukunft, oder zählt am Ende doch die eigene Leistung?
Den Burger Dialog in voller Länge seht ihr hier:
Inhaltsverzeichnis
- Burger Dialog in Köln-Kalk: Warum der Ort so viel erzählt
- Erkan Tolan: Eine Aufstiegsgeschichte aus Köln
- YouGov-Umfrage zum sozialen Aufstieg: 43 Prozent zweifeln
- Was die Politik über Chancengerechtigkeit sagt
- Stimmen aus dem Restaurant: Samir und Hyulia über ihren Weg
- Rap, der die Debatte weiterträgt
- Die wichtigsten Infos zum Burger Dialog in Köln
Burger Dialog in Köln-Kalk: Warum der Ort so viel erzählt
Wer über sozialen Aufstieg reden will, muss dorthin, wo er täglich auf die Probe gestellt wird. Deshalb haben wir den zweiten Burger Dialog 2026 bewusst nach Köln-Kalk geholt, in Eko Freshs alte Heimat und in einen Stadtteil, der viel über Chancen in Deutschland verrät.
Kalk steht wie kaum ein anderes Viertel für die soziale Realität in deutschen Großstädten. Fast ein Viertel der Menschen hier ist von Arbeitslosigkeit betroffen, mehr als 60 Prozent haben eine Migrationsgeschichte. Der Kölner Stadt-Anzeiger zählt Kalk zu den Stadtteilen mit der höchsten Armutsquote der Stadt. Und was sich hier zeigt, findet sich ähnlich in Duisburg, Dortmund oder Bielefeld: Chancen auf sozialen Aufstieg sind nicht gleich verteilt – Herkunft wiegt oft schwerer als Leistung.
Genau dorthin haben wir die Politik gebracht. Nicht in einen Saal, sondern mitten in ein volles McDonald’s-Restaurant. Auf der Bühne diskutierten Paul Ziemiak (CDU), Jochen Ott (SPD) und Tim Achtermeyer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) vor einem Publikum, das soziale Ungleichheit nicht theoretisch kennt, sondern aus dem eigenen Alltag. Durch den Abend führte Moderatorin Anastasia Barner, Gastgeber war Franchise-Nehmer Erkan Tolan.
Erkan Tolan: Eine Aufstiegsgeschichte aus Köln
Bevor die Politik das Wort ergriff, gehörte die Bühne Erkan Tolan. Der Franchise-Nehmer und Gastgeber des Burger Dialogs ist selbst ein Kapitel jener Geschichte, um die es an diesem Abend ging. Sein Vater kam 1969 nach Deutschland, 21 Jahre alt, ohne Deutschkenntnisse, ohne Netzwerk, ohne Plan, was ihn erwartet. Er arbeitete zunächst im Garten- und Landschaftsbau und baute sich Schritt für Schritt etwas auf: eine Grundlage, eine Familie, eine Chance.

„Diese Chance gebe ich heute weiter“, sagte Erkan Tolan. In seinen Restaurants beschäftigt er Menschen aus Dutzenden Herkunftsländern, hilft bei der Wohnungssuche, begleitet beim Ankommen. „Bei McDonald’s ist es völlig egal, woher du kommst. Wichtig ist eines: Sei fleißig, habe Spaß an dem, was du machst“, erklärt er.
Auch Eko Fresh, der in Kalk aufgewachsen ist, machte früh klar, dass seine Geschichte kein Rezept ist. „Ich bin die Ausnahme“, sagte er. „Ich will nicht so tun, als könnten das alle so machen wie ich. Man muss jeden Einzelnen abholen.“ Was ihn gerettet habe, sei der Rap gewesen. Mit 17 das erste positive Feedback. Aber genau deshalb warnte er: „Sagt nicht: Geht alle in den Entertainment-Bereich.“ Was es brauche, seien früh im Leben positive Erfahrungen und Strukturen, die auffangen, bevor jemand verloren geht.
YouGov-Umfrage zum sozialen Aufstieg: 43 Prozent zweifeln
Dass dieses Thema drängt, zeigen die Zahlen schwarz auf weiß. Für uns hat das Marktforschungsinstitut YouGov Anfang Juli 2026 rund 1.000 junge Menschen zwischen 16 und 29 Jahren befragt. Die Antworten sollten uns wachrütteln:
- 43 Prozent glauben, ihre Generation habe insgesamt schlechtere Chancen als die ihrer Eltern.
- 42 Prozent halten die soziale Herkunft für den wichtigsten Faktor beim Aufstieg.
- Nur 25 Prozent verweisen in erster Linie auf die eigene Leistung und Anstrengung.
Zwei von fünf jungen Menschen glauben also, dass ihre Generation es schwerer hat als die ihrer Eltern und nur ein Viertel setzt heute noch primär auf die eigene Anstrengung. Wer im richtigen Viertel groß wird, bekommt Rückenwind, alle anderen strampeln dagegen an. Eko Fresh, dessen Vater einst als Gastarbeiter nach Deutschland kam, kennt beide Seiten. Die Sehnsucht dahinter beschrieb er ganz ohne Statistik: „Irgendwann wirklich etwas besitzen, ein Auto, eine Wohnung, vielleicht sogar ein Häuschen. Bei der Mehrheitsgesellschaft ankommen und mitmachen. Das ist der Traum.“
Was die Politik über Chancengerechtigkeit sagt

Beim Befund lagen die drei Politiker eng beieinander: Herkunft darf keine Schicksalsfrage sein. Mehr Teilhabe stärke den Zusammenhalt und bringe die Wirtschaft voran – sozialer Aufstieg sei also nicht nur gerecht, sondern liege im Interesse aller. Beim Weg dorthin aber gingen die Meinungen deutlich auseinander.
Paul Ziemiak (CDU) setzte auf Wirtschaftskraft und Entlastung: „Sozialer Aufstieg funktioniert nur, wenn man sich das Leben auch leisten kann. Die Mieten sind zu hoch, die Steuern für diejenigen, die anfangen zu arbeiten, sind zu hoch. Wer sich hochgekämpft hat, muss sich auch etwas aufbauen können.“ Mehr und besser bezahlte Jobs schaffen die Grundlage und die deutsche Sprache sei als gemeinsame Basis für Teilhabe nicht verhandelbar.
Jochen Ott (SPD) richtete den Blick auf das Umfeld und lieferte den Satz, der dem Abend seinen Rahmen gab: „Der Mittelmäßige aus Köln-Lindenthal hat bessere Chancen als der Tüchtige aus Köln-Kalk — wegen der Netzwerke, wegen des Umfelds.“ Er forderte kostenlose Kitas, gut ausgestattete Schulen und gezielte Förderung in belasteten Stadtteilen: „Wir brauchen eine vernünftig ausgestattete Gesamtschule.“
Tim Achtermeyer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) brachte es mit einem Bild auf den Punkt, das hängen blieb: „Das Leben ist keine Pommes – es geht nicht immer geradeaus.“ Wer einen Umweg nimmt, wer die Ausbildung abbricht und etwas anderes versucht, dürfe dafür nicht bestraft werden. Der Staat müsse dafür sorgen, dass Umwege und Neuanfänge keine Sackgassen werden.
Alle drei waren sich einig, dass Formate wie der Burger Dialog wichtig sind für mehr politische Teilhabe aller Menschen in Deutschland. Denn der Burger Dialog bringt Politik in die Lebensrealität der Menschen: in volle Restaurants in Vierteln wie Kalk, vor ein Publikum mit vielen Stimmen aus der Generation Z, das Fragen stellt, widerspricht und eigene Erfahrungen einbringt.
Stimmen aus dem Restaurant: Samir und Hyulia über ihren Weg
An diesem Abend ergriffen nicht nur die Politiker das Wort.

Samir Mohamad, Restaurantmanager bei McDonald’s, kam als Geflüchteter nach Deutschland. Heute leitet er nicht nur ein Team, sondern hat sich nebenher ein eigenes Unternehmen aufgebaut. „Wenn ich das kann, können das andere auch. Aber wir müssen den Weg freimachen.“ Was ihn und viele andere bremse: langwierige Behördenprozesse, fehlende Anerkennung ausländischer Abschlüsse, unsichere Aufenthaltsstatus.
Hyulia Minkova kam 2011 aus Bulgarien nach Deutschland, ohne ein Wort Deutsch. Heute ist sie Restaurantleiterin. Entscheidend war dabei nicht nur ihr eigener Fleiß, sondern auch Vertrauen, das sie früh gespürt hat: Franchise-Nehmer Erkan Tolan habe sie unterstützt und an sie geglaubt. Ihr Fazit bleibt trotzdem bodenständig: „Mit fleißigen Leuten schafft man alles.“

Beide zeigen dasselbe: Aufstieg ist möglich. Aber er braucht Menschen, die an einen glauben und Strukturen, die nicht im Weg stehen.
Unter den rund 100 Gästen saßen zudem Vertreter:innen von Organisationen, die sich für Chancengerechtigkeit und sozialen Aufstieg engagieren – darunter Arbeiterkind e. V., JOBLINGE, RheinFlanke, InteGREATer, der DFK – Verband für Fach- und Führungskräfte sowie ONE-Jugendbotschafter*innen. Die Fragen aus diesem Publikum waren scharf, persönlich, manchmal unbequem. Eine 18-Jährige aus Düsseldorf, deren Mutter aus Kenia stammt, erzählte: „Meine Mutter hat mir immer gesagt: Du musst in Deutschland zweimal so hart arbeiten.“ Sie habe trotzdem Chancen gehabt, weil sie auf eine gute Schule gehen konnte. Aber das sei die Ausnahme, nicht die Regel.
Rap, der die Debatte weiterträgt
Zum Abschluss wurde es musikalisch und Eko Fresh trug das Thema des Abends noch einmal auf seine Art weiter. Er griff selbst zum Mikrofon und performte „Gheddo“, einen Song über Köln-Kalk, den er nach eigener Aussage genau an der Ecke geschrieben hat, an der das Restaurant heute steht. Die Zeilen klingen anders, wenn man weiß, wo man gerade sitzt.
Danach trat Teven auf, eine der spannendsten neuen Stimmen im deutschen Rap, und performte „Broken Promises“. Sie sang für junge Menschen und ihre Sehnsucht nach einer Liebe, die hält.


Danke an alle, die diesen Abend möglich gemacht haben: an Anastasia Barner, an Erkan Tolan und vor allem an das Publikum, das sich eingebracht hat. Der Burger Dialog in Köln-Kalk war insgesamt die fünfte Station des Formats und hat wieder einmal gezeigt: Nur im Gespräch entsteht Verständnis füreinander.
Wie der erste Burger Dialog 2026 in Berlin lief, lest ihr hier: Burger Dialog 2026 in Berlin: Wenn ein Rap-Song Danke sagt.
Was braucht es aus eurer Sicht, damit sozialer Aufstieg gerechter wird? Schreibt es uns in die Kommentare.
Die wichtigsten Infos zum Burger Dialog in Köln
Im Zentrum stand die Frage, ob in Deutschland Herkunft oder Leistung über die Zukunft entscheidet – also sozialer Aufstieg, Chancengerechtigkeit und die Rolle des Elternhauses. Der Abend fand am 16. Juli 2026 in einem McDonald’s-Restaurant in Köln-Kalk statt.
Auf der Bühne diskutierten Paul Ziemiak (CDU), Jochen Ott (SPD) und Tim Achtermeyer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN). Rapper Eko Fresh, der selbst in Kalk aufgewachsen ist, lieferte Impulse und trat am Ende auf. Moderiert hat Anastasia Barner, Gastgeber war Franchise-Nehmer Erkan Tolan. Für den musikalischen Abschluss sorgte außerdem Newcomerin Teven.
Laut einer repräsentativen YouGov-Umfrage im Auftrag von McDonald’s Deutschland (1.002 Befragte im Alter von 16 bis 29 Jahren, 30. Juni bis 6. Juli 2026) glauben 43 Prozent der jungen Generation, schlechtere Chancen zu haben als ihre Eltern. 42 Prozent sehen die soziale Herkunft als wichtigsten Faktor für den Aufstieg, nur 25 Prozent vertrauen vor allem auf die eigene Leistung.
Dass diese Skepsis kein kurzfristiges Stimmungsbild ist, zeigt auch die McDonald’s Ausbildungsstudie 2025, die McDonald’s gemeinsam mit dem Institut für Demoskopie Allensbach durchgeführt hat: Nur noch 48 Prozent der 15- bis 24-Jährigen sind darin überzeugt, dass sich Leistung auszahlt und sozialer Aufstieg in Deutschland möglich ist, 2019 waren es in derselben Studienreihe noch 59 Prozent. Für die repräsentative Erhebung wurden vom 13. bis 30. Juni 2025 insgesamt 1.027 Jugendliche befragt. Mehr zur Studie findet ihr hier.
Kalk steht exemplarisch für sozial benachteiligte Stadtteile in deutschen Großstädten. Fast ein Viertel der Bevölkerung ist von Arbeitslosigkeit betroffen, mehr als 60 Prozent haben eine Migrationsgeschichte. Genau dort wollte der Burger Dialog die Debatte führen, wo sozialer Aufstieg täglich auf die Probe gestellt wird.
Der Beitrag ist aus dem Change M-Team.

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